Selbstfreundlichkeit
- Sonja Hartmann
- vor 6 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Das passiert immer häufiger: Du öffnest dein Handy und prompt erklärt dir jemand, warum du noch schöner, jünger, fitter, schlanker, erfolgreicher, heiler, reflektierter oder gesünder werden solltest.
Da ist die Creme gegen Falten. Das Peeling für strahlendere Haut. Das Pulver für mehr Energie. Der Saft zum Entgiften. Die Kapseln für bessere Konzentration. Das Programm für die perfekte Morgenroutine. Die ultimative Heilung des inneren Kindes.
Und falls das alles noch nicht reicht, gibt es natürlich noch den Kurs, der endlich dein wahres Potenzial freilegt.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir werden den ganzen Tag daran erinnert, was angeblich noch nicht gut genug an uns ist.
Dabei beginnt dieser Gedanke oft gar nicht bei uns.
Er wird uns jeden Tag ein kleines bisschen eingepflanzt.
Nicht laut, auch nicht böse. Sondern ganz geschickt.
"Du bist schon okay ... aber mit diesem Produkt, diesem Retreat, diesem ... eben noch ein bisschen besser."
Und plötzlich beginnt etwas Seltsames.
Wir schauen nicht mehr auf das, was bereits da ist. Wir suchen nach dem, was noch fehlt.
Ich frage mich manchmal, was passieren würde, wenn wir für einen Moment aus diesem Karussell aussteigen.
Nicht, weil Cremes, Nahrungsergänzung oder schöne Kleidung etwas Schlechtes wären.
Ganz im Gegenteil.
Ich liebe Dinge, die guttun.
Aber ich wünsche mir, dass wir sie benutzen, weil wir uns mögen – und nicht, weil wir glauben, erst dadurch liebenswert zu werden.
Das ist für mich ein großer Unterschied.
Vielleicht braucht unsere Seele heute gar kein neues Pulver.
Vielleicht braucht sie einen Spaziergang.
Vielleicht keinen Detox-Saft.
Sondern ein ehrliches Gespräch.
Vielleicht kein weiteres Anti-Aging-Produkt.
Sondern einen Menschen, der unsere Lachfalten schön findet.
Ich glaube, wir Menschen dürfen wieder lernen, freundlich mit uns selbst zu werden.
Nicht alles muss ständig optimiert werden.
Ein Baum fragt sich schließlich auch nicht jeden Morgen, ob er heute ein besserer Baum sein müsste.
Er wächst.
Mal schneller. Mal langsamer.
Mal trägt er Blätter. Mal verliert er sie.
Und trotzdem bleibt er vollkommen Baum.
Vielleicht dürfen auch wir uns wieder daran erinnern.
Wir sind keine Dauerbaustellen.
Wir sind lebendige Menschen.
Mit Ecken. Mit Geschichten. Mit Narben. Mit einem Lachen, das nicht perfekt sein muss.
Und vielleicht beginnt genau dort die schönste Form von Entwicklung:
Nicht in der ständigen Suche nach dem nächsten Wundermittel.
Sondern in dem leisen Gedanken:
Ein bisschen weniger Selbstoptimierung und ein bisschen mehr Selbstfreundlichkeit würden unserer Welt vermutlich erstaunlich gut stehen.

Kommentare